LLL Top-Tipp: Carmen Bregy. Im Stillen umarmt.

Du hast gelacht. Ein Lachen, das auf meinem Gesicht seither nie mehr verloren ging. S. 15

Stellen wir uns einmal vor, wir verlieben uns in eine Frau. Unfassbar, sie tut es auch. Doch dem blauen Himmel einer schönen Verbindung folgen graue Wolken. Mit den Konflikten kommt die Trennung. Ein Gefühl, das wir alle kennen. Was kommt sind die vielen Gedanken, die sich in Kreisen verfangen, die Trauer mit zahlreichen Erinnerungen, Ängsten, Sehnsucht, aber auch das Verarbeiten.

Genau darum geht es in Carmen Bregys Roman „Im Stillen umarmt“. Zwei Frauen, die einander hatten, dann losließen, und doch verbindet sie etwas Besonderes.

Das Buch ist in bestimmte Abschnitte und damit auch in immer wieder wechselnde Zeiten geteilt. Die Zeit, in der sie sich zum Beispiel sehen, „Treffen“, und die zahlreichen Stunden, Wochen…, in denen sie sich nicht sehen, „Zeit ohne dich“.

Beide Frauen verreisen zu einer kalten Jahreszeit zusammen in die Toskana und machen eine Pilgerreise. Reisen, die beide Frauen verbindet und zugleich trennt. Zwischen Nähe und Distanz mischen sich die Gefühle beider, aber auch ihre Auseinandersetzungen ihrer Trennung sowie Verbindung.
Die Schönheit des Buches ist, dass alles wie in einem langen, absolut flüssigen und doch gelegentlich wieder neuangesetzten Liebesbrief geschrieben steht.
Alles ist wunderbar mit einer großen Tiefe und so einfühlsam geschrieben worden.

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Ein Buch, das von poetischen Sätzen und der perfekten Ausnutzung der Sprache lebt.

Das Buch ist schwer zu beschreiben. Es ist wie eine Rose, die immer die Königin der Blumen ist aber doch Dornen hat, und das macht es so vollkommen.

„Du schläfst ein. Ich liege da. Mit meinem Herzen, das aus der Brust hängt.“ S.39

Manchmal müssen wir lesen, was wir kennen, gerade fühlen. Könnte ein Schmerz besser beschrieben werden? Wohl kaum. Von diesen kleinen Dornen, die aber so wunderbar sind, gibt es viele, aber sie helfen durch alles durchzugehen, wenn die Liebe geht.

Dieser Roman zeigt so viele Bilder einer Liebe, aber auch den Alltag dazu und gleichzeitig sind darin wichtige und gerade sehr aktuelle Themen, wie der Kinderwunsch bei homosexuellen Paaren enthalten.

„Und sicher sind Kinder von Schwulen und Lesben ein weiterer Schritt zur Akzeptanz unserer Lebensform.“ S. 154

In vielen Zeilen erkannte ich mich wieder, konnte das Gefühl der Leere nachempfinden. Aber auch das sich Gegenüberstehen und die wieder gewonnene Freiheit zu genießen, während doch ein anderer Teil oder das andere Herz gern zurückkehren möchte.
Manchmal verschwindet dann das Lachen, und es folgt Schweigen, obwohl man reden sollte. Ja, genau darum geht es in diesem Roman.

„Dein Lächeln ist ein Don Quijote-Kampf im Alltag, der gleich morgen wieder beginnt.“ S. 139

Fast am Ende der Rezension halte ich das Buch noch einmal in der Hand. Gerade erst hatte ich das Buch noch einmal gelesen, wie schon so unzählige Male zuvor. Ich streiche über den Buchdeckel, blättere die Seiten um, so dass sie Wellen ergeben, und kurze Gedanken fliegen durch den Raum.

Bücher bedeuten mir alles, aber dieses hat neben „Naokos Lächeln“ von Haruki Murakami einen besonderen Platz und eine besondere Bedeutung. Manchmal verbinden wir gute Bücher zusätzlich mit Menschen, die uns viel bedeuten, egal ob wir sie einst liebten, noch immer lieben oder egal, ob wir vielleicht gar nicht verstehen, warum eine Frau eine gewisse Bedeutung hat.

Könnte ich selbst ein Buch auszeichnen oder für eine Auszeichnung vorschlagen, ich würde dieses nehmen. Kein anderes Buch bewegt und versteht so sehr und das mit grandiosen Seiten, die sich immer wieder fast wie neu lesen lassen, wenn man sie einmal braucht oder nur gern darin wieder liest, weil es so unsagbar schön ist.

„Ich habe Parallelen in meinem Leben entdeckt, was immer so ist, wenn man sich in einem solchen Zustand in ein Buch stürzt. Man glaubt sich im Protagonisten, der am Schluss die Einsamkeit wählt wieder zu erkennen. “ S. 108

Ein Zitat des Buches, das nicht passender sein könnte. Ich danke dem Querverlag und damit Ilona und Jim, dass sie dieses wundervolle Buch herausgebracht haben.

Fazit: Ein so wundervolles Buch. Nein, das Beste der lesbischen Literatur. Das ist die Sprache wirklich ausschöpfen. Poetisch, einfühlsam, mit unendlichen Tiefen. Kein Kitschroman und keine gewöhnliche Unterhaltungskost zum Lesen. Carmen Bregy beherrscht das Schreiben, wie einen perfekten Pinselstrich, aus dem ein unvergessliches Bild entsteht. Lesenswert ist zu schwach ausgedrückt. Es ist ein Schatz und nahezu ein Muss über diese Seiten zu lesen.

Carmen Bregy. Im Stillen umarmt. Querverlag. 156 S. 14.90 €

© Rezension: Sanni Bücherwurm. Team Lesbisch-Literarisch-Lesenswert

Cristina Perincioli. Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68 er Bewegung blieb.

Heute findet der Dykemarch in Berlin statt. Zu diesem Anlass möchte LLL euch das Buch „Berlin wird feministisch“ von Cristina Perincioli genauer vorstellen. Diesmal zwei Feministinnen, die sich seit langem mit der Frauenbewegung befassen. Aber wie ist das eigentlich, wenn man es miterlebt hat oder nur die Geschichte davon lesen und erahnen kann.

Ilona Bubeck schildert Eindrücke aus dem Buch und wie es war, als die Frauen auf die Straße gingen und worauf der Fokus damals lag und heute liegt.
Sanni Bücherwurm sieht das Buch aus einem anderen Blickwinkel. Die Zeit der Frauenbewegung las sie nur in Büchern. Auch sie betrachtet das Buch genauer, aber auch die Vergangenheit, die vieles in der Gegenwart möglich machte.

Ilona Bubeck:

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Nicht nur Berlin – jede europäische Metropole wurde 1968 feministisch! Aber, in jedem Beitrag oder Zeitungsartikel, der sich auf die 68er Bewegung und ihre Folgen bezieht, lese ich immer nur die Geschichte linker Männer. Wenn die Anfänge linker autonomer Bewegungen zitiert und erwähnt werden, oder wenn ein ehemals 68er Aktivist interviewt wird, sind es Männer. Und die Frauen waren angeblich nur die nette Garnierung, die Tippsen oder die Bettgefährtinnen gewesen. Aber es gab sie, die Vorkämpferinnen, die Frauen, die den Feminismus erstmal neu erfinden mussten, die das Politische mit dem Privaten verbanden und dabei ihr lesbisch sein entdeckten und lebten, und die den Grundstein legten für alles das, was wir heute selbstverständlich in Anspruch nehmen. Und sie melden sich endlich zu Wort! Cristina Perincioli ist eine davon, und die erste die autobiografisch anhand von Dokumenten, Interviews und Erinnerungen die Entstehung der zweiten Frauenbewegung lebendig schildert.
Perincioli ist 1945 in Bern geboren und kam 1968 nach Berlin, um an der Deutschen Film- und Fernsehakademie zu studieren. Sie nennt das Kampfplatz Filmakademie, was sich spannend liest, denn als Filmemacherin schuf sie einige zentrale Werke für das Entstehen des feministischen Films. Hier sei nur daran erinnert, dass ein Filmtitel von ihr „Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen“ zu einem Slogan der Frauenbewegung wurde. Im ersten Teil des Buches beschreibt sie authentisch ihre Erfahrungen und Aktivitäten innerhalb der Linken, anderer antiautoritärer Bewegungen, den Beginn der Lesbenbewegung und die Entstehung des Frauenzentrums. Damals hat man vieles einfach gemacht, ohne zu befürchten, das könnte nicht legal sein oder schwerwiegende Folgen haben, ganz gleich ob das Go-ins an den Unis waren oder Abtreibungsfahrten nach Holland. Die Autorin hat viele Aktivistinnen und Mitstreiterinnen aus der Zeit interviewt und lässt ihre Aussagen in den einzelnen Kapiteln in den Text mit einfließen. Nachzulesen ist auch die berühmte Rede von Helke Sander als Vertreterin des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen auf der Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt am Main 1968. Da der Vorsitzende nicht auf die Fragen Helke Sanders einging, kam es zu den legendären Tomatenwürfen, die bis heute als der Beginn der neuen Frauenbewegung gelten.
Ein Hauptaugenmerk legt Perincioli auf die damals sehr bestimmende Auseinandersetzung zwischen sozialistischen Frauen und autonomen Feministinnen und lässt dabei die wichtigste Vertreterin der marxistischen Frauen, die Soziologin und Philosophin Frigga Haug ausführlich zu Wort kommen. Der Konflikt zwischen angeblich theoriefeindlicher autonomer Frauenbewegung und den sozialistisch organisierten Feministinnen zog sich bis weit in die achtziger Jahre und prägte unter anderem auch meine politischen Konflikte im Frauenzentrum. Von daher war es sehr aufschlussreich über die Anfänge dieser oft zermürbenden Auseinandersetzung zu lesen, die sie im 2. Teil des Buches anschaulich dokumentiert. Die anarchistische und aktionistische Politik der Lesben- und Frauenbewegung der siebziger- und achtziger Jahre hat in dieser Zeit ihren Ursprung: Medienhetze, Polizeirazzien, Berufsverbote, Verhaftungen – auf der einen Seite – undogmatische Gruppen, Frauenkommunen, Zeitungsprojekte wie Agit 883, Frauenselbstverlage, Frauenzeitungen, Frauenfeste und Frauenrockbands, und vieles mehr – auf der anderen Seite – und dies setzte sich viele Jahre fort und wurde immer vielfältiger. All das hat auch mein Leben über Jahrzehnte bestimmt und mit Freuden geprägt und lässt mich bis heute nicht wirklich los.
Da die Einschätzungen und Bewertungen dieser politisch bewegten Zeit und die radikal feministischen Aktionen und ihre Auswirkungen von der Autorin sehr autobiografisch und subjektiv geschildert werden, gab es für mich an einigen Punkten große Fragezeichen. Und da mein Einstieg in die undogmatische Linke und Frauenbewegung kurz danach erfolgte, würde ich an manchen Stellen auch andere Aussagen treffen. Doch die Subjektivität schafft genau das Lesevergnügen, sich mit der Zeit zu beschäftigen. Und wer es analytisch genauer haben möchte, sollte dazu das Buch „In Bewegung bleiben – 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben“ lesen, das sowieso in jedes Buchregal einer lesbisch-queeren Feministin gehört!
Rückblickend war in den 70/80iger Jahren eine Aufbruchstimmung, es gab nichts zu verlieren, und Feminismus war ein Kampfbegriff (im positiven Sinne). Aber das heißt nicht, dass wir harmonisch und homogen waren, ganz im Gegenteil. Es gab große Kontroversen und Spaltungen, und nur ein kleiner Teil war wirklich politisch nach außen aktiv. Viele waren nicht unpolitisch, aber mehr mit sich selbst beschäftigt. Heute nennen sich politisch aktive Lesben queer-feministisch, manche auch noch lesbisch-feministisch, wie auch immer, nur die Auseinandersetzungen und Kämpfe sind heute viel komplizierter geworden. Eigene, autonome Räume waren früher wichtig als Treffpunkt mit nichthierarchischer Organisationsstruktur, und es wurde diskutiert und gestritten, und trotzdem sind wir gemeinsam auf die Straße gegangen, weil es gemeinsame Ziele gab. Immerhin gehen auch heute, trotz aller Differenzen, die meisten z.B. zum Dyke March. Es gab früher natürlich viel mehr Anlässe oder wir haben vieles zum Anlass genommen, da wir aktionistischer und mutiger waren, weil nicht die berufliche Karriere und Familienplanung im Vordergrund stand, sondern die Wut und die Sehnsucht nach einer gerechteren Gesellschaft. Und das schaffte in der Tat ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl. Der Fokus war auf Kollektivität, sozialer Gerechtigkeit und anderen Lebensformen, heute ist er auf Individualität, Karriere und „Ehe für alle“ gerichtet!

Sanni Bücherwurm:
Als das Buch heraus kam freute ich mich schon. Gerade im Thema passte es perfekt. Schon vorher war ich von dem Buch „In Bewegung bleiben“ sehr begeistert und möchte es sehr gern empfehlen. Es ist sehr wissenschaftlich gehalten, was es aber den Leser(inn)en ermöglicht, viele wichtige Fakten aufzunehmen. Was würde mich also bei „Berlin wird feministisch“ erwarten?
Ich begann zu lesen und stellte fest, dass ich gleich hineingezogen wurde. Schon relativ am Anfang schildert Perincioli, wie es damals war, als gemeinsam auf die Straße gegangen wurde, man gemeinsam auf Matratzen in einem Raum schlief und es viele Auseinandersetzungen gab. Es ist dieses Gefühl von gemeinsam etwas erreichen wollen, was mich an dem Buch so bewegt. An manchen Stellen kann ich, obwohl ich damals nicht dabei war, nicht ganz zustimmen. Aber auch hier zählt, jeder hat eine andere Meinung. Manches ist mir etwas zu scharf kritisiert, gerade Arbeiten anderer, die doch nötig waren. Aber das tut dem diesem Buch keinen Abbruch.

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Interessant sind hierbei die Auseinandersetzungen einer großen Bewegung, die in dem Buch aus Perinciolis-Sicht dokumentiert und sehr genau auch durch Erlebnisse geschildert wird. Es kommen aber auch andere Aktivistinnen zu Wort und berichten. Daher ein perfektes, um Eindrücke aus der Zeit der Aktivistinnen zu bekommen.
Manchmal sehe ich die Bilder der Frauenbewegung, lese viel dazu, rede mit Freunden, Bekannten darüber, die es erlebt haben, damals schon für uns kämpften. All das bewegt mich, und ich würde mir wünschen, dass dieses „Gemeinsam nicht gegeneinander“, zusammen auf die Straße gehen, endlich wieder mehr hervortreten würde und wir nicht nicht die Unsichtbare Lesbe suchen, sondern alle! Sichtbar nach vorn gehen.
Dann durchblättere ich noch einmal das Buch. Ja, was war eigentlich früher anders? Ist vieles einfach da und damit fast unsichtbar geworden? Fragen, die ich mir häufig stelle. Etwas bewegt sich gerade, und irgendwie herrscht, wie mein Eindruck ist, kein wirkliches „wir zusammen“, sondern es ist eine Verbitterung zu spüren. Selbst innerhalb der Community kommt es zu Konflikten. Diskussionen werden geführt und leider auch weitere Verhärtungen aufgebaut. Möge sich dies bald lösen.
Mir hat dieses Buch gegeben, dass mir ein ganzes Stück fehlt, was das „für etwas gemeinsam auf die Straße gehen, kämpfen, durchsetzen“ anbelangt. Sicher können an der Stelle jetzt Argumente kommen, wie die Zeiten ändern sich. Gewiss, aber ich finde es schade, wenn aus einer Freiheit, die Frauen für uns, die jüngere Generation geschaffen haben, so etwas Selbstverständliches geworden ist, dass es nicht mehr so viel Bewegung gibt. Sicher kann sich das ändern, aber aus etwas, dass wir haben, einmal erreicht wurde, sollte niemals Mutlosigkeit werden. Denn auch heute gibt es noch viel zu tun.
In dem Buch lese ich Dialoge, man könnte sagen es ging oft heiß her. „Schlagabtausch“. Heute, so ist mein Eindruck, wird auch geredet, aber schnell kommt es bei einer Meinungsverschiedenheit, zum Beispiel in verschiedenen Verbänden, zum Schweigen. Schnell dieses „Wir haben es ja versucht…“ Für mich reicht das nicht.
Oft wird nicht anerkannt, was schon erreicht wurde, und doch eigentlich gut ist. Es gibt Teilungen, die mir vorkommen, wie Mauern. Dabei müssten doch wir (die Frauen, Lesben, Queeres…) zusammenhalten.
Damals war nach zweimal auf die Straße gehen und nur zweimal reden noch längst nicht Schluss. Es ging mit dem Kopf durch die Wand und es gab Reibung, nicht einfach aus Wut Stille, keine Auseinandersetzung mehr. Dennoch bleibt zu sagen, dass es Frauen gibt, die auch heute viel zu bewegen versuchen und alle wieder an einen Tisch bekommen wollen.
Der Querverlag hat mittlerweile ein paar solcher Bücher herausgebracht. Bücher die, die Geschichte der Frauenbewegung zeigen und hoffentlich etwas bewirken, Vielleicht wieder etwas mehr Mut und Sichtbarkeit. Dieses Buch schafft einen Überblick über eine Bewegung, die uns viel gab. Sehr lesenswert.

Cristina Perincioli. Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68 er Bewegung blieb. Querverlag. 240 S. 24.90 €  ISBN:978-3-89656-232-6

Laurie Penny. Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution.

Das Buch klingt schon nach Aufruhr und Bewegung. Das Buch geht in die Tiefe. Die Oberflächlichkeit wird schon in der ersten Seite rausgeschmissen, und die ersten Seiten werden nur so heruntergelesen. Man kann gar nicht aufhören. Endlich wird schonungslos ausgesprochen, was für manche vielleicht unbequem, für viele Frauen aber so wichtig ist. Laurie Penny spricht über Feminismus, der Gleichheit für alle möchte, der wieder mutiger wird und Gerechtigkeit fordert.
In dem Buch wird alles angesprochen, was im Alltag stattfindet. Ständige Vorurteile, das Leben nach einer Norm, Online-Dates, Cybersex, sogenannte gesellschaftliche unnötige Verpflichtungen der Frau uvm.

10996899_845202235574140_536368641332094939_nEin paar Frauen an der Spitze der Politik oder Wirtschaft sind nicht genug, findet Laurie Penny. Aber das Vorzeigebild der Karrierefrau an der höchsten Sprosse einer Karriereleiter entspricht selten der Realität. Moderner Feminismus richtet sich an alle. An arme, reiche, homosexuelle und viele andere Menschen. Es geht um Freiheit und Gleichheit für alle. Es muss einen Gleichstand geben.

Die Frau hinter der Theke, beim Imbiss hat auch Ansprüche.
Das Idealbild der heterosexullen Frau, mit Make up, immer perfekt gestylt, Karriere, Mann und natürlich Kindern wird hier endlich mal am Boden der Realität zerrissen. Ich atme förmlich auf, als ich dies und andere Dinge zum Mut des Feminismus lese. Viele Frauen streben an, was gar nicht mehr richtig funktioniert. Falsche Träume. Folge, wie es Laurie Penny auch schildert, ist „die abgefuckte Frau“ komplett durch, einige ritzen, leiden seelisch, nehmen Drogen als Ausweg, der keiner ist, oder sie gelangen auf ihrem Weg der Karriere in eine Essstörung. Der überall gezeigte Magerwahn wird ja auch gefördert. Genau diese Mädchen oder Frauen sind zu Lustobjekten der Öffentlichkeit geworden. Gezeigt wird, was leider viele junge Frauen dann nachmachen. Andere hungern, setzen sich auf Diäten und haben Wünsche an erster Stelle, wie Mann und Kind.
Daher muss sich etwas ändern.

Endlich wird in einem Buch so viel radikal gesagt, ohne nur annähernd ein Blatt vor dem Mund zu nehmen. Endlich mehr Mut und auch Gedankenanregungen, dass Gleichheit wichtig ist, aber die Frau in schwersten Knochenjobs, die Männer machen, nicht diese auch noch anstreben muss. Sie kann, muss aber nicht. Denn, was wollen wir eigentlich? Wie kann der moderne Feminismus heute aussehen?

Das Buch spricht auch für alle, die zum Beispiel schweigen müssen, oder denen der Mut noch fehlt. Mit diesem Buch bekommen Schweigen und Frauen eine wirklich laute Stimme, und ich bin mehr als dankbar dafür.

Laurie Penny hat nicht auf alles eine Antwort oder keine darauf, wie alles anders werden kann. Vielleicht geht sie mit der damaligen Frauenbewegung auch ein wenig zu gelassen um, aber es ist ein großartiges, mutiges Buch das hoffentlich endlich mehr Mut für den Feminismus und auf Bewegung macht. Denn in der Bewegung finden wir Antworten.
Wie Laurie Penny sagt: „Vieles muss anders werden, für Frauen, für Männer, für alle!“

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© Rezension Sanni Bücherwurm

Laurie Penny. Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Verlag Edition Nautilus. 288 S. 16.90 €

Tereza Vanek. Chinatown

VanekIn ihrem 2009 erschienen Roman lässt Tereza Vanek das von Chinesinnen und Chinesen geprägte Viertel am Hamburger Hafen der 20er Jahre mit seinen Jazzclubs und dubiosen Kneipen wieder aufleben. Während der Glanz und Glamour der goldenen 20er im Elend der Weltwirtschaftskrise verblasst, begegnen sich in diesem legendären Viertel zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht seien könnten.

Denn in dem gigantischen Hafen, dem Tor zur Welt, kommen nicht nur Waren, sondern zunehmend auch Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen an und prägen das Bild der Stadt mit. So auch in dem Stadtteil, in dem sich die gestrandeten Immigranten aus dem zerfallenden chinesischen Kaiserreich niederlassen. Zu ihnen gehört Mai Ling, die vom Kleinkriminellen Liang nach Deutschland geschmuggelt und zur Prostitution gezwungen wird.

Rechtlos und von ihrer kulturellen Prägung her unfähig, sich aufzulehnen, lässt sie die Freier über sich verfügen. Doch weder Zeit noch Häufigkeit lassen sie gegen die erzwungene Arbeit immun werden. Sie fühlt sich schmutzig und resigniert schließlich angesichts ihrer Machtlosigkeit.

Ein ganz anderes Leben führt Alexandra Giercynski, die aus einem wohlhabenden polnischstämmigen Elternhaus stammt und tagsüber als Fremdsprachenkorrespondentin in einer Anwaltskanzlei arbeitet. Nachts kehrt sie ihrer bürgerlichen Existenz den Rücken zu und lebt ihre Leidenschaft für den Jazz aus. Als Sängerin in einer wenig bekannten Jazzband singt sie in verrauchten Clubs, begleitet von ihrer Geliebten Sarah. Sie genießt die letzten Ausläufer der goldenen 20er Jahre, während sie immer wieder unbemerkt auf die für ihre Gesellschaftsschicht unsichtbare Chinesin trifft.

Als Mai Ling aber von einem Geschäftspartner und Kunden ihres Zuhälters vergewaltigt und schwer verletzt wird, kommt sie bei der Sängerin unter. Eine Begegnung, die für die beiden Frauen zunächst sehr unangenehm ist. Nach und nach beginnen sie sich jedoch anzunähern…

Die ungewöhnliche Liebesgeschichte von Tereza Vanek hat durch die jüngsten Ereignisse eine ungeheure Aktualität gewonnen, schließlich leben wir auch zunehmend in einer zwiegespaltenen Gesellschaft. Auf der einen Seite die Menschen, die vor Generationen in dieses Land eingewandert sind oder hier immer schon lebten, auf der anderen Seite Menschen, die aus anderen Kulturen kommen und hier mehr oder weniger legal, oft auch unsichtbar, überleben müssen. Begegnungen dieser Welten sind eher selten. Dabei übersieht die Mehrheit meist nur zu gern das Elend, das hinter so einem Schicksal steht.

Aber dieses Buch gewinnt nicht nur durch seinen Zeitbezug. Es ist auch ein sorgfältig recherchiertes Buch über den Ausklang der 20er Jahre und seine Vielfalt. Die detailreichen Schilderungen des Alltags in der Hafenmetropole lassen die Leserinnen und Leser tief in diese Atmosphäre eintauchen. Auch die sensibel und unsentimental gezeichnete Liebesgeschichte zweier so unterschiedlicher Frauen und ihrer Lebensumstände ist ein Lesegenuss, der eine nicht ohne Betroffenheit zurücklässt. Ein vielschichtiges, sehr interessantes Buch, das in vielerlei Hinsicht Eindruck hinterlässt.

© Rezension: Ahima Beerlage

Tereza Vanek
Chinatown
Ulrike Helmer Verlag, erschienen September 2009
348 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3-8974-1286-6
17,90 Euro
www.ulrike-helmer-verlag.de

 

 

Stefanie Zesewitz. Donaunebel. Interview zum Buch mit Ahima Beerlage und Sanni Bücherwurm.

10 Fragen 20 Antworten. Eine Idee des LLL-Teams (lesbisch-literarisch-lesenswert ) bei Facebook und bald mit einer Homepage. Wir stellen euch die Bücher nicht nur durch Rezensionen und Beschreibungen vor, sondern stellen dazu ein paar Fragen. 10, um genau zu sein. Diesmal Ahima Beerlage und Sanni Bücherwurm zu dem neuen Roman von Stefanie Zesewitz, „Donaunebel“, der kürzlich im Querverlag erschien.
Interview: Frank Duwald von LLL und dandelion | abseitige Literatur.

Ahima Beerlage ist Autorin und Moderatorin. Ihr Buch „Sterne im Bauch“ ist im Verlag Krug & Schadenberg erschienen. Ein großartiger Roman über die erste Liebe. Außerdem ist Ahima bei Aviva Berlin tätig. Sie ist auch im Team LLL.

Sanni Bücherwurm ist Buchhändlerin, Literatur-Bloggerin (Link hier und hier ), gelegentliche Beraterin gegen Rechtsextremismus und setzt sich sehr dafür ein, die Frauen wieder mehr für die Literatur mit lesbischen Inhalt zu gewinnen und den Buchverkauf zu fördern. So kam sie auf die Idee der LLL-Seite usw. Sanni schreibt nebenbei und hat eine eigene Seite (Link hier), in der sie Gedichte und Gedanken veröffentlicht.

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Klappentext: Wien, 1918 – zwei Frauen versuchen das Unmögliche: einen Beruf, der nur Männern zusteht, und eine verbotene Liebe! Theo Brunner ist der Inbegriff eines charmanten Wieners, dem die Mädchen reihenweise erliegen. Auch die russische Adlige Aglaja Struzhanova verliebt sich widerstrebend in Theo, denn sie hat erst vor Kurzem in den Revolutionswirren ihre Geliebte verloren und will sich ihre Gefühle für Theo nicht eingestehen. Theos Leben ist eine Gratwanderung, denn obgleich sie von allen für einen jungen Mann gehalten wird, verbirgt sich hinter dem unwiderstehlichen Herrn Brunner die nicht minder bezaubernde Theodora, die eine Profession gewählt hat, in der sie als Frau niemals eine Chance gehabt hätte: das Bestattungsgewerbe. Als sie und Aglaja sich näher kommen und Theo ihre Identität lüftet, beginnen die Schwierigkeiten erst richtig, denn in Österreich stehen Beziehungen zwischen Frauen unter Strafe.

LLL Frank Duwald: Wie seid ihr auf den Roman aufmerksam geworden?

Ahima Beerlage: Ich verfolge immer mit großem Interesse die Programme der lesbisch-schwulen Verlage und versuche, sie in die Öffentlichkeit zu bringen, so weit es mir möglich ist.

Sanni Bücherwurm: Durch eine Werbung der Leipziger Buchmesse und des Querverlages.

LLL Frank Duwald: Würdet ihr das Buch weiterempfehlen?

Ahima Beerlage: Unbedingt!

Sanni Bücherwurm: Ja, absolut und auch schon getan.

LLL Frank Duwald: Wie lange habt ihr daran gelesen? Habt ihr schnell herein gefunden?

Sanni Bücherwurm: Nach zwei Nächten war es durch. Ab der ersten Seiten war ich in dem Buch versunken. 

Ahima Beerlage: Ich habe es in die Hand genommen und dann nur ungern weggelegt, um meinen Alltag zu erledigen. Nach drei Tagen war ich leider am Ende des Buches angelangt.

LLL Frank Duwald: Nun genauer zum Buch. In wenigen Sätzen, wie würdet ihr das Buch zusammenfassen?

Ahima Beerlage: Ein sehr interessantes Bild der Zeit um den ersten Weltkrieg herum, das es schafft, die Ereignisse in Russland und in Österreich unterhaltsam in die Biografien der lesbischen Protagonistinnen einzubinden.

Sanni Bücherwurm: Zwei Frauen, ihr eignes und gemeinsames Leben, ihre Liebe, Auseinandersetzungen in Zeiten des ersten Weltkrieges. Viele verschiedene Themen und auch ein interessanter Einblick in den Alltag eines Bestattungsunternehmens, welches häufig auch eher ein Tabuthema ist.

LLL Frank Duwald: Was hat euch am besten oder am meisten an dem Buch gefallen?

Ahima Beerlage: Die Figur Theo. Diese Selbstverständlichkeit, mit der Theo/Theodora ihre Identität aus ihrer Geschichte und ihren alltäglichen Gegebenheiten ableitet. Ebenso hat mir der Aufbau des Plotes sehr zugesagt. Diese beiden Biografien so sorgfältig und bildreich aufeinander zuzubewegen, so erzählerisch leicht und spannend, das hat mir sehr gut gefallen.

Sanni Bücherwurm: Als erstes die definitiv gute Recherche, die herauszulesen ist. Und dann Theo. Sie bekommt während des Lesens immer genauere Charakterzüge. Ich mochte ihre Art mit verschiedenen Dingen umzugehen. Irgendwie sehr gradlinig. Ansonsten, ich lese wirklich ungern Dialoge in Romanen, aber in dem Buch war es ganz anders. Ich freute mich sogar darauf welche zu lesen, da es eher tiefsinnige Auseinandersetzungen sind und keine einfachen Zwischengespräche, die eher unwichtig sind.

LLL Frank Duwald: Die Geschichte von Theo und Aglaja spielt in einer schwierigen Zeit, in der Homosexualität unter Strafe stand. Blickt man beim Lesen des Buches auch in die Gegenwart? Wie viel hat sich heute schon geändert?

Sanni Bücherwurm: Ja, ich glaube fast automatisch. Sicher war es eine ganz andere Zeit,   aber dennoch, im Jetzt ist uns Österreich zum Thema der Gleichberechtigung um einiges voraus, zum Beispiel, was das Adoptionsrecht betrifft. In Russland scheint im Vergleich mit dem Roman die Zeit stehen geblieben zu sein. Homosexualität steht dort unter Strafe und wir kämpfen, müssen noch weiter viel mehr für Toleranz kämpfen. So ist dies auch in weiteren Ländern und auch in Randgebieten der Städte, also Dörfer herrscht oft Intoleranz. Ich dachte auch daran, dass es damals nicht ging, einfach auf die Straße zu gehen und gemeinsam für die Gleichberechtigung zu stehen.

Ahima Beerlage: Die Situation ist kaum zu vergleichen. Dennoch werde ich nachdenklich angesichts der Ausbreitung konservativer, rückwärtsgewandter Werte. Der Roman sollte uns auch ein wenig Mahnung sein, dass wir in solche Verhältnisse nicht zurück wollen. Andererseits ist der persönliche Umgang jenseits der ganzen wissenschaftlichen Schachtelwirtschaft „Lesbisch, schwul, trans, queer, bi…“ auch mal ganz interessant. Abschließend denke ich, wirklich viel verändert hat sich in den Großstädten und in der Gesetzgebung. In vielen Kleinstädten und Dörfern ist die Ausgrenzung von „Andersliebenden/-lebenden“ immer noch gang und gäbe.

LLL Frank Duwald: Könnte die Geschichte aus „Donaunebel“ wirklich damals so passiert sein?

Ahima Beerlage: Ich denke, in weiten Teilen schon. Die dramatische Verdichtung der Ereignisse ist natürlich literarische Freiheit. Mit dem Schluss bin ich mir auch nicht so sicher. Da hat die Autorin wohl mehr mit den gegenwärtigen Wünschen geliebäugelt. Aber ja, die einzelnen Elemente sind historisch so möglich.

Sanni Bücherwurm: Ja. Vielleicht nicht genauso, aber ähnlich. Nur die meisten solcher Geschichten haben ganz sicher nicht den Weg auf das Papier gefunden. So sind sie in Köpfen von Autor/innen und werden dann ausgedacht aufgeschrieben und sind auch sehr gut.

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LLL Frank Duwald: Gibt es eine Szene oder Zeile, die für euch unvergesslich war? Wenn ja welche?

Sanni Bücherwurm: Ja, mehrere, aber eine Szene blieb mir ganz besonders im Gedächtnis und zwar als Theo sich offenbart, eine Frau zu sein und sagt, dass einfach von den Haaren, der Kleidung also Äußerlichkeiten ein Urteil gefällt wurde und sie ja nie behauptet habe, ein Mann zu sein. Ich denke, dies ist oft so. Wir sehen urteilen zu schnell, ohne zu kennen, dahinter zu schauen, und ich würde mir wünschen, gerade als ich das las, also Theos Geschichte, dass Geschlechter nicht mehr eine so große Wichtigkeit haben. Egal, ob wie Theo oder anders. Jeder ist halt, wie er ist. Punkt.

Ahima Beerlage: Nein. Für mich hat das Buch viele interessante Eindrücke und es wird mir in seiner Gesamtheit im Gedächtnis bleiben, da ich selten ein mit so viel Leichtigkeit erzähltes historisches Buch gelesen habe. Meist versuchen ja die Autorinnen, alles unterzubringen, was sie recherchiert haben. Das stört oft den Fluss der Geschichte. Hier fühlte ich mich gut unterhalten und nicht belehrt.

LLL Frank Duwald: Gibt es etwas, dass ihr an dem Buch kritisieren würdet? Ahima Beerlage: Ja, leider. Der Schluss scheint mir doch etwas an den Haaren herbeigezogen und viel zu kompliziert erzählt. Da wäre weniger mehr gewesen.

Sanni Bücherwurm: Nicht wirklich, also zwei Kleinigkeiten, die dem tollem Roman aber kein Abbruch tun. Ich fand an einigen Stellen die Sprache zu modern für die Zeit und das schöne Wienerische. Das Ende war etwas zu kitschig für meinen Geschmack, wie plötzlich aus einem Film entsprungen. Aber ich bin mir sicher, dass genau das viele einfach lieben werden.

LLL Frank Duwald: Euer Fazit zu Stefanie Zesewitz´s Roman „Donaunebel“?

Sanni Bücherwurm: Ein außergewöhnlich guter Roman mit lesbischen Inhalt in Zeiten des ersten Weltkrieges, der dazu von Lebens-und einer Liebesgeschichte zweier Frauen erzählt und das mit viel Hintergrundwissen, Ernsthaftigkeit, aber auch einer guten Dosis Humor. Eine perfekte Mischung. Absolut lesenswert.

Ahima Beerlage: Ein wirklich unterhaltsam und gut geschriebenes Zeitportrait queerer Identitäten und Lebensweisen in den Jahren in und um den ersten Weltkrieg herum.

Donaunebel

Stefanie Zesewitz.

Donaunebel

Querverlag. 408 Seiten. 16.90 €

Claudia Breitsprecher. Auszeit.

“Auszeit” von Claudia Breitsprecher ist ein Buch, das sehr bewegt. Bei Kerzenschein griff ich zu diesem Buch und nahm damit einfach eine literarische Auszeit.

>> Das Glück kommt in der Beobachtung. Dazu müssen wir sehen können. Und zum Sehen braucht es Licht. Außen und innen. << Miriam Meckel S.6 

11081118_969789833032389_2629643338005079571_nIn dem Roman geht es um eine Politikerin namens Martina Wernicke, die ein Attentat überlebt hat und sich dann eine Auszeit auf dem Land nimmt. Martina reflektiert und denkt über die Politik an sich nach, ihre Arbeit, aber auch über ihre Zweifel darin. In dem Buch gibt es einen guten Einblick über eine Tätigkeit in der Politik, die zu tragende Verantwortung, das Für und Wieder, das Abgeben eigentlicher Prinzipien. Einen Einblick, der alle Seiten beleuchtet und ein Buch, das tiefe Einblicke in eine Psyche lässt, die ein Trauma davon getragen hat.

Selbst in der aufkommenden Ruhe, die Martina irgendwann etwas empfindet, ist das Geschehende, das entkommende Attentat präsent. 

Der Ort des Rückzugs, der Garten und das daran anschließende Dorf werden sehr detailliert beschrieben. So ist es beim Lesen der Zeilen wirklich wie eine Auszeit. Aber auch die Personen in dem Buch sind sehr ausführlich in den Beschreibungen und dadurch sehr gut vorstellbar.

In dem Dorf kommt es zu typischen eher konservativen Begegnungen, die zeigen, wie frei wir eigentlich in der Großstadt das lesbische Leben führen können. 
Martinas Nachbarn, ein junges Paar führen ihr zusätzlich ihr politisches Leben vor Augen. Der Rückzugsort konfrontiert Martina mit Rechtsextremismus, vorhandener Arbeitslosigkeit, sozialer Ungleichheit. Dinge, denen sie sich entgegenstellte oder für die sie sich einsetzte, wie zum Beispiel Harz VI. 
In der Stille des Gartens scheint Martina nach und nach das ganze Ausmaß, die Wirkung ihres politischen Weges bewusst zu werden.

Allein, dass es ein Buch ist, das sehr ausführlich in politischen Themen ist, begeistert sehr, aber es ist auch nachdenklich, tiefsinnig. 
Es gibt keine vordergründige ausgeschmückte oder tragische lesbische Liebesgeschichte, sondern ein genaues Hinschauen und Auseinandersetzen mit einem Leben, das durch Politik geprägt ist und für das die Liebe, das Durchatmen noch ein Platz gefunden werden muss.

Die Schreibweise, die Selbstreflexion, die vielen politischen Themen… irgendwie ist jede Zeile lesenswert. Auch als Martina, um ihre große Liebe Eleni kämpft, die sie durch ihre Karriere aufs Spiel gesetzt hat, ist das Buch sehr fesselnd. Liebe erfordert Mut und ein wenig Platz.

Es ist ein Buch, das selbst zum Nachdenken bringt. Die Karriere oder die Liebe? Einfach mal anhalten, um sich nicht aufzubrauchen oder doch bis zum bitteren Ende weitermachen?
Wirklich wunderbare, detaillierte Beschreibungen, ein hohes Maß an Politik, das ich mir viel mehr in Büchern wünschen würde und viel Reflexion mit Tiefe.

Einfach großartig und definitiv meine schönste literarische Entdeckung mit lesbischen Inhalt im Frühling. 

Sehr zu empfehlen.

Claudia Breitsprecher. Auszeit. Verlag Krug & Schadenberg. geb. 19.90 € Kindle Edition 12.99

© Sanni Bücherwurm, Gedankenlabyrintherin.wordpress.com

Emma Donoghue. Zarte Landung.

Eine Rezension zu schreiben ist oft schon fast Routine, aber nicht zu einem so großartigen Buch, das noch lange nachklingt. Zwischendurch, nach dem Lesen, schlage ich es wieder auf, um wundervolle markierte Textstellen noch einmal zu lesen.

Auf Erden sind wir wie Reisende in einem Hotel. St. Jean-Baptiste-Marie Vianney, S. 27

Das Buch ist eine Reise in zwei unterschiedliche Welten.

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Jude ist die Ruhige und eher fest Verwurzelte. Sie lebt in Ontario und leitet ein kleines Heimatmuseum. Síle, die andere Protagonistin des Buches, liebt die großen Städte, fühlt sich in Millionenmetropolen wohl und genießt es, als Flugbegleiterin nie irgendwo ganz verankert zu sein. Sie wären sich also nie begegnet – wenn, ja wenn, Jude eines Tages nicht gezwungen wäre, ihre Flugangst zu überwinden und in einer der Maschinen sitzt, die Síle als Flugbegleiterin betreut. Ausgerechnet neben der von Angst gebeutelten Jude, stirbt ein Passagier, und Síle muss verhindern, dass in der Maschine Panik ausbricht. Keine alltägliche Art, sich kennenzulernen. Ihre erste längere Begegnung ist dann am Flughafen nach der Landung und bleibt für beide unvergessen.
Nach einiger Zeit fangen sie an, Briefe und Mails zu schreiben, führen Ferngespräche. Ein gegenseitiger Austausch, der ganz langsam ist und die verständliche Vorsicht mit sich trägt.

Ach, aber wenn dann die Post anklopft und der Brief kommt, scheint sich das Wunder stets zu wiederholen- der Versuch zu sprechen. Virginia Woolf, Jacobs Zimmer, S.9

Ich versinke in diesem Roman, denn nichts wirkt gestellt, nichts ist in Klischees aus einem kitschigen Liebesroman gehalten. Es wird hinterfragt und zwischen Jude und Síle gibt es ein Kennenlernen ohne Übersprungshandlungen. Nähe und Distanz werden ausgelotet, es gibt Auseinandersetzung zu den Gefühlen und zu den unterschiedlichen Leben beider. Sie sehen sich wieder. Zeit vergeht, arbeitet. Síle und Jude verlieben sich ineinander und sehen die Hindernisse, der Entfernung und wie schwer es ist, ihr Leben in Einklang zu bringen.

Es ist das sanfte verständliche Herantasten zu einem Gefühl, beider Frauen, das mich schon nahezu erleichternd aufatmen lässt. Ein tiefes Gefühl, eine Liebe muss wachsen und sich ganz bedacht einen festen Boden bauen. Genauso ist es in diesem Buch. Hinreißend.

Ich bin so in dem Buch versunken, dass ich die große Entfernung durch die bildhafte und starke Sprache beider fast fühlen kann. Oft male ich mir aus, wie das Heimatmuseum aussieht, wie es wäre, die frische Luft Ontarios zu atmen oder in Dublin die irische Lebendigkeit wieder zu erleben, stelle mir die Frage, wie das Gefühl wäre, wenn die Partnerin nicht einfach in einem anderen Bezirk, sondern auf einem anderen Kontinent leben würde. Sicher wäre dies nicht ganz einfach.

Auch Síle und Jude haben Schwierigkeiten, müssen Hürden durch ihre Fernbeziehung überwinden. Doch sie arbeiten zusammen an allem, und ich liebe es, dass sie sich immer Freiheit lassen und gleichzeitig eng verbunden sind. Sie bleiben durch Probleme nicht stehen, und so wächst ihr gemeinsames Leben.

Alles muss sich bewegen, so und gerade auch zwischenmenschlich. Dies nehme ich sehr aus diesem grandiosen, unvergesslichen Buch mit.

Bewegung liegt in unserer Natur. Pascal, Pensées S.408

Emma Donoghue schreibt bildhaft, poetisch und gefühlvoll. Jede Seite des Buches ist wundervoll und erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Frauen ohne dies besonders hervorzuheben, sondern als selbstverständlich zu betrachten. Was es auch ist. Alles ist auf eine ganz besondere angenehme zaghafte Art und Weise beschrieben. 

Am Ende wünschte ich, das Buch hätte noch mal so viele Seiten. Gewiss ist es eines der schönsten Bücher mit lesbischen Inhalt das ich jemals las.

Emma Donoghue. Zarte Landung. Verlag Krug & Schadenberg. 424 S. 22.90 ISBN 978-3-930041-90-9

© Rezension: Sanni Bücherwurm, Gedankenlabyrintherin.wordpress.com, lesbisch-literarisch-lesenswert.facebook.com

Tove Jansson. Fair Play

Vielen ist Tove Jansson sicher durch „Die Mumins“ bekannt. Mit „Fair Play“ hat sie ein Buch geschrieben, das sicher noch viele wunderschöne Spuren bei Lesern und Leserinnen hinterlassen wird.

Zwei Frauen, Jonna und Mari, sind im Winter in der Stadt in einem Haus mit zwei Wohnungen, die über den Dachboden miteinander verbunden sind. Im Sommer sind beide auf ihrer Schäreninsel, ein winziges Eiland, auf dem sie kreativ sind. Sie malen, schreiben und leben einfach miteinander. Haben sich und brauchen auch viel Raum für ihre kreative Seite. Platz und Raum, der zwischen den beiden Frauen ausgelotet werden muss.

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Tove Jansson. Fair Play. Urachhaus Verlag. 110 S. 17.50 €

Eine große Verbundenheit, die beim Lesen spürbar ist. Es wird nicht in winzigen romantischen Teilen geschrieben, die, die liebenden Gefühle zeigen. Das Gefühl, der Respekt und die schon erwähnte Verbundenheit sind einfach da.

Es sind Auszüge in Kapiteln geteilt, die aus dem Leben der beiden stammen. Einem gemeinsamen Leben, das so viele Facetten hat und einen spürbaren Reichtum.

Das Buch ist durch die tolle Schreibweise von Tove Jansson und die Landschaftsbeschreibungen wie eine Urlaubsreise.

Tove Jansson schrieb so wunderbar poetisch und feinfühlig, ohne dass dies zu viel wird. Jeder Satz ist literarisch schön.

Wer mehr über das Leben von Tove Jansson erfahren möchte kann hier ein wundervollen Beitrag sehen.

Viel Spaß damit.

Audre Lorde. Zami. Eine neue Schreibweise meines Namens.

Auf Carriacou bedeutet Zami ein Name für Frauen, die als Freundinnen und Geliebte zusammenarbeiten. Das war für Audre Lorde immer ihre gelebte Vision!

Ebenso heißt das Buch „Zami – Eine neue Schreibweise meines Namens“
Vor vielen Jahren hat mich dieses Buch schon einmal berührt und begeistert. Und da es nun nach langer Zeit wieder in einem anderen Verlag veröffentlicht wurde, möchte ich diesen Roman möglichst vielen Leser_innen ans Herz legen.

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Zami“ ist Audre Lordes Biografie ihrer Kinder- und Jugendzeit und des Erwachsenwerdens.

Eine Mythobiografie, da es autobiografische, mythologische und historische Elemente miteinander verbindet.

Der Roman berührt mich so stark, weil Audre Lorde so eine besondere Frau war, die ich zum Glück bei ihren Berlin Besuchen immer wieder in Begegnungen und Gesprächen erleben durfte. Und ich kenne niemand, die so authentisch das gelebt und ausgestrahlt hat, was sie in ihren Texten und Reden als Anspruch und Erwartung an sich und andere formuliert hat. Und der Roman begeistert mich, weil es ihr gelungen ist, diese schwierige Kindheit, die rassistischen Diskriminierungen und diese bewegten Jahre der McCarthy Ära in einer poetischen Sprache zu vermitteln, die emotional und intelligent zugleich ist.

Audre wuchs in New York/Harlem mit zwei Schwestern und Eltern, die aus Grenada/Karibik eingewandert sind, auf. Sie war klein, fast blind und lernte doch lesen, noch bevor sie in die Schule kam. Ihre Mutter war eine außergewöhnliche schwarze, starke und selbstbewusste Frau, war aber auch unerbittlich und streng. Dennoch spielte sie ein große Rolle in Audres Leben.

Die ersten Kapitel erleben wir aus der Sicht dieses oft einsamen und eigenwilligen Mädchens, die gleichzeitig ein beeindruckendes Dokument des rassistischen Amerikas sind, während in Europa der Zweite Weltkrieg begann.
Nach dem Selbstmord der besten Freundin, der erste Mensch in ihrem Leben, den sie bewusst liebte, verlässt die siebzehnjährige Audre schließlich das Elternhaus und befreit sich von ihrer Mutter. Wir entdecken dann ein lebendiges New York, in dem die junge lebenshungrige Frau ihre Eigenständigkeit behauptet und sich in der lesbischen Subkultur wiederfindet. Diese ist jedoch weiß, rassistisch und elitär, so dass die Schwarze Community für ihre Identität als schwarze Lesbe immer bedeutender wird.

Beim Lesen kamen Erinnerungen an meine eigene Jugend und Studentenzeit. Sicher ging und wird es vielen beim Lesen des Buches ähnlich gehen. Ich war begierig, mehr über diese Zeit in den USA zu erfahren, wie z.B. die hysterische Kommunistenhatz der Regierung, und auf der anderen Seite das Komitee zur Befreiung der Rosenbergs, die 1953 hingerichtet wurden. Und natürlich war es nicht einfach in dieser Zeit, andere Lesben zu finden, und so ist einiges über die Clubs und Treffs der 50er Jahre, die alle weiß dominiert waren zu erfahren.

Ich liebe diesen Roman auch, weil er mir auf wunderbare Weise die Augen für eine feministische Geschichtsschreibung öffnete, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Audre war jung, schwarz, lesbisch, hatte viele Freundinnen, und hat die Unterschiede und scheinbaren Gegensätze für sich als Stärke entwickelt und erlebt.

©Rezension: Ilona Bubeck//                    Audre Lorde-Zami-Eine neue Schreibweise meines Namens. Unrast Verlag. 328 S. 18 €

Malou Berlin. Zeit bis Mitternacht.

Schon das Cover wirkt nachdenklich. Die ersten Seiten lesen sich sehr schnell und ziehen einen absolut schnell in die Geschichte. Wie eine Zeitreise, die lesend aber viel angenehmer und ruhiger ist.

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Die Protagonistin Franka fährt zum ersten Mal nach Ostberlin, um Magdalena zu treffen. Ihr Fragen zu stellen, da sie sich bei einer Freundin Frankas nicht meldet.

Zuerst sitzen beide Frauen an einem Tisch und lachen selbst über banale Klischees. Manche davon stimmen und manche nicht.

“Den meisten Westdeutschen werden zuerst die holprigen Straßen einfallen. Und die preußischen Grenzer.”

“Darüber können sie ewig herziehen. … Militärparaden. Häuser, die ausnahmslos grau sind … “S. 12

“Es gibt keinen Kaffee und keine Bananen. Die Technik ist auf dem Stand der fünfziger Jahre. Und manche meinen, die DDR sei das langweiligste Land der Erde.” S. 13

“Die Werbung im Westen ist wirklich furchtbar. Und nervtötend und dumm.”

“Der Westen hinkt um hundert Jahre der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, mit seinem Papst und der katholischen Kirche” S. 14

Eine interessante Sichtweise über den Papst und die katholische Kirche.

Magdalena und Franka sind sich auf den ersten Blick sympathisch. Der Funke springt trotz des Hindernisses einer großen Mauer über. Franjas Leben verändert sich. Aus einer Ruhe wird ein Pendeln zwischen Ost und West. Dabei ist die große Liebe nur wenige Straßen entfernt. Doch die Mauer trennt die beiden Frauen, obwohl sie eigentlich zusammengehören. Franka nimmt vieles auf sich und ist gleichzeitig in Sorge um Magdalena, die keinen Westkontakt haben darf.

Beim Lesen ist die Angst, Ungewissheit und die Unsicherheit beider zu spüren. Wie unangenehm müssen die Grenzkontrollen und für manche das Nicht-Ausreisendürfen gewesen sein? Sicher ein einschränkendes Gefühl.

In dem Buch treffen zwei politische Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber Franka stellt auch fest, dass die DDR auch Stärke und viel Zusammenhalt hat. Durch Magdalena neu betrachtet, ist die DDR gar nicht mehr so grau, sondern hat Wärme, und trotz der Mauer scheint sie für Franka offener für viele Dinge zu sein. Alles ist irgendwie dann doch auszuhalten und spielt sich ein.

Doch dann verändert der Fall der Mauer alles.

“An der Mauer lauter Musik und tanzende Leute. Es ist der absolute Wahnsinn!” …
“Es drängen immer mehr Menschen über die Grenzübergänge, von der Spree aus sieht man, dass die Oberbaumbrücke total dicht ist, nur Leute, Leute, Leute.” S. 286

Alles ist offen, aber die Mauer hielt zwischen den beiden Frauen etwas aufrecht, was nun mit dem Fall gegangen ist. Konflikte tauchen auf, verengen sich. Sprachlosigkeit und Verwirrtheit nehmen den Platz der Liebe ein. Die Mauer bedeute Freiheit, aber mit ihr verbanden sich auch unterschiedliche politische und menschliche Meinungen. So viele kamen um. Tiere wurden ebenfalls brutal erschossen. Der Preis der Freiheit wurde mit Tod bezahlt.

Plötzlich ist die Mauer weg, und für Franka und Magdalena ist alles anders. Manche Probleme ändern sich trotz des Mauerfalls nicht, werden dadurch aber deutlicher und sichtbarer im Alltag. Alles ändert sich.

Ein schwieriges und tiefsinniges Thema in dem Buch.

Was für ein exzellentes Buch zum Mauerfall. Einfach auch, in einem sehr guten packenden Schreibstil und sogar etwas poetisch.

© Rezension: Sanni Bücherwurm.        Malou Berlin. Zeit bis Mitternacht. Querverlag. 1. Auflage 28. Februar 2006. 14.90 €